Alter schützt vor Zauber(er) nicht!

Über das Zaubern für und mit Senioren.

Es gibt gefühlt tausend Genres und Unterarten der Zauberei. Und wenn ich nach meiner persönlichen Erfahrung urteilen darf, dann beanspruchen Vertreter ihres Genres gerne den Titel “Königsklasse” für eben jenes eigene Genre…

Die Tischzauberei ist die Königsklasse, denn hier ist der Zuschauer so nah, dass man nicht mit Falltüren und Spiegeln arbeiten kann!

Die Kinderzauberei ist die Königsklasse der Magie, denn Kinder sind schwerer zu täuschen als Erwachsene und sie tun dies auch gerne lautstark kund!

Großillusionen sind die Königsklasse der Magie, denn es ist eine logistische und künstlerische Herausforderung, sich neben den großen Apparaten nicht selbst zum Statisten zu degradieren!

Die Mentalmagie ist die Königsklasse der Täuschungskunst, denn den Zuschauer an echtes Gedankenlesen glauben zu lassen erfordert viel Erfahrung, Menschenkenntnis und Schauspieltalent!

Ich aber sage euch:
Die wahre Königsklasse ist das Zaubern für Senioren – vornehmlich in Seniorenresidenzen, alternativ bei Altennachmittagen der katholischen Kirchengemeinde! Warum? Lassen Sie mich das mit dem folgendem Überlebensratgeber für die Zauberei mit Senioren ausführen. Er ist etwas süffisant formuliert, aber im Grunde völlig ernst gemeint. Und vor allem basiert er auf meinen eigenen, realen Erfahrungen!

Ihre Individualdistanz…

…sollten Sie für einen Nachmittag an der Garderobe abgeben. So viele Küsschen von betagten Zuschauerinnen wie bei meinen bisherigen Seniorenveranstaltungen bekam ich sonst bei keinem meiner Showauftritte. (Um ganz ehrlich zu sein, bekam ich bisher ausschließlich auf Seniorenveranstaltungen Küsschen.)

In guter Gesellschaft…

…befinden Sie sich als Zauberer auch programmtechnisch. Wenn Sie kein Problem damit haben, zwischen der Sitztanzgruppe “Flotte Hose” und der Reinkarnation eines 70er-Jahre Alleinunterhalters an der Bontempi Orgel Ihre magischen Spielereien zum Besten zu geben – dann sind Sie hier genau richtig! (Die Sitztanzgruppe “Flotte Hose” existiert tatsächlich. Ich durfte sie selbst live erleben. Und ich finde es grandios, dass es sie gibt. Dennoch muss ich immer wieder über die Namensgebung schmunzeln…)

Eckstein & Schippe…

…sollten für Sie mehr sein als Utensilien von Baumeister Bob. Ebenso wie Schelle und Eichel. Bei meinem ersten Auftritt vor Seniorinnen und Senioren habe ich den Fehler gemacht, von “Herz, Pik, Karo & Kreuz” zu sprechen. Die allgemeine Verwirrung konnten wir durch einen zehnminütigen Dialog mit abschließender Einigung über die gültigen Termini für Spielkartenfarben aber klären. (Wir hatten alle Spaß an diesem Nachmittag. Wirklich.)

Hände hoch!

Auf die Aufforderung “Jetzt nehmen Sie mal alle den linken Arm in die Höhe” machen erfahrungsgemäß nie alle Zuschauer mit. Der ein oder andere hat da einfach keine Lust dazu. Die Gründe für die Verweigerung des Mitmachens bei Seniorenveranstaltungen können dagegen ganz anderer Natur sein: Nicht jede/r hat ihren/seinen linken Arm mitgebracht. (Und sollte der linke Arm vor Ort sein, so heißt das noch lange nicht, dass dieser den Befehlen des zugehörigen Gehirnes noch Folge leisten kann. Anfängerfehler. Das lernen Sie schnell.)

Mach einfach dein Kinderprogramm…

…haben sie gesagt – die Kollegen. Kann das funktionieren? Nicht ganz. Richtig ist, dass man sein Seniorenpublikum nicht mit langatmigen, hochkomplexen Strukturen und Spannungsbögen bei der Stange hält, sondern mit klaren Effekten, kurzen Texten und großen, gut sichtbaren Utensilien. Die ein oder andere Routine aus dem Kinderprogramm kann es also grundsätzlich ins Seniorenprogramm schaffen. Doch bemühe ich mich, einen kleinen, aber feinen Unterschied zu machen: Mein Vortrag richtet sich an ernstzunehmende, erwachsene Menschen mit unermesslichem Erfahrungsschatz. (Mit der ein oder anderen geistigen oder körperlichen Ermüdungserscheinung.)

Mal ganz im Ernst:

Ich habe schon Seniorenresidenzen aller “Art” besucht. In manchen habe ich Beklemmung bekommen, in manchen habe ich eine unglaublich schöne, familiäre und entspannte Atmosphäre gespürt. Aber eines hatten sie augenscheinlich alle gemeinsam: Das enge Budget reichte immer irgendwie aus, den Bewohnerinnen und Bewohnern ein schönes Sommer-, Weihnachts- oder Jubiläumsfest zu bereiten. Mit viel selbst gemachten, aber auch mit gebuchten Programmpunkten.

Und eine Gemeinsamkeit mit dem Kinderprogramm gibt es dann nämlich doch beim Zaubern für Senioren:

Die Begeisterung ist echt! Sie drückt sich nur nicht immer in ohrenbetäubendem Jubel aus. Manchmal ist es nur ein dankbarer Blick nach der Show, ein stummer Händedruck – oder eben ein Küsschen…

Vielen Dank Claudia N., dass ich dieses tolle Foto benutzen darf. Ist schon wieder ein paar Jahre her, dass ich in Pirmasens für deine Mutter und die anderen Senioren und Gäste zaubern durfte. Sie ist ja in der Zwischenzeit leider verstorben – aber ich hoffe, ihr hattet noch viele gemeinsame zauberhafte Momente und erinnert euch auch gerne an diesen Tag zurück!